Meine Aufträge als Innovationsberaterin laufen teilweise weiter. Es gibt Unternehmen, die trotz COVID19 mit ihren Projekten fortfahren. Und es gibt Unternehmen, die alles stoppen. Innovation bzw. systematisches Innovationsmanagement war nie wichtiger als jetzt. Es ist 12, wenn nicht schon 5 nach 12, um sich mit dem Thema Innovation auseinanderzusetzen. Unter dem #zeitfürinnovation poste ich regelmäßig meine Gedanken. 

Zeit für Innovation – Warum Sie jetzt schon an morgen denken sollten – Teil 1

Sind Sie ein Stratege? Ein Macher? Ein Orientierungsloser oder ein Jammerer?

Spätestens seit März 2020 ist für Unternehmen alles anders. Anfang 2020 schien noch alles gut zu laufen – die Umsätze zeichneten ein Plus ab und die Auftragsbücher waren voll. Kurzum, 2020 schien ein gutes Jahr zu werden.

Und von einer Sekunde auf die andere war alles anders: COVID19, wohl das Unwort 2020 für viele Wirtschaftstreibende, sollte alles verändern.

Und unsere zuvor entwickelte Unternehmensstrategie ist von einem Tag auf den anderen obsolet. Statt Innovation und neue Projekte heißt es nun Mitarbeitergespräche führen, Kurzarbeitsverträge verhandeln und Mundschutz tragen.

Viele Unternehmen beschäftigen sich ausschließlich mit dem Brandlöschen und schaffen von Liquidität. Und ja, das ist wichtig. Aber mindestens genauso wichtig ist die Strategieentwicklung für die Nach-Corona-Zeit.

Die Welt nach Corona wird anders aussehen, als vor Corona. Nicht umsonst spricht man schon von einer neuen Zeitrechnung – vor Corona und nach Corona.

  • Aber wie verändert sich die Welt wirklich?
  • Werden wir auch danach noch nahezu alles online machen oder sind wir froh, wenn wir wieder in der realen Welt arbeiten und einkaufen dürfen?
  • Werden Kunden Geld ausgeben oder doch eher zuhause horten – für schlechte Zeiten?
  • Welche neuen Geschäftsmodelle werden sich nachhaltig verankern?
  • Wie stellen Unternehmen den schnell vollzogenen Produktwechsel (von Sitzbezügen zu Atemschutzmasken) wieder zurück?
  • Macht es Sinn weiterhin in Elektromobilität zu investieren?
  • Mit welchem Geschäftsmodell verdienen wir morgen unser Geld?

Sind Sie ein Jammerer? Ein Orientierungsloser? Ein Macher und Imagegewinner oder der Stratege, der gestärkt aus der Krise hervorgehen wird?

Derzeit kann man verschiedene Unternehmertypen und deren Antreiber erkennen. Anhand eines einfachen 4-Felder-Portfolios lassen sich diese auch leicht einteilen.

In der Krise trennt sich die Spreu vom Weizen. Strategen gehen gestärkt aus der Krise hervor.

Betrachten wir zunächst die zwei Achsen.

Vertikal aufgetragen findet sich die Veränderungsintelligenz von Unternehmen, die sich aus folgenden Kriterien ergibt:

  • Veränderungsbereitschaft: Wie veränderungsbereit ist ein Unternehmen? Wollen wir uns verändern, oder nicht?
  • Einsatz von Ressourcen: Wie viel ist uns die Veränderung wert? Sind wir bereit auch Geld und Zeit in die Hand zu nehmen?
  • Offen für Neues: Wollen wir uns nur im Kern verändern, oder denken wir auch in neuen Bahnen und Geschäftsfeldern?

Horizontal betrachtet geht es um Kundenorientierung:

  • Orientierung am Markt: Wollen wir zukünftig auch neue Märkte bedienen? Oder doch im Stammmarkt bleiben?
  • Orientierung an neuen Kundenbedürfnissen: Welche neuen Kundenbedürfnisse können wir identifizieren und bedienen? Oder bedienen wir bestehende Bedürfnisse mit unseren Produkten?

Durch die Anwendung dieser beiden Achsen, ergeben sich vier Unternehmenstypen, die sich mit meine Beobachtungen decken.

Die Jammerer – Schuld sind die anderen!

Kaum zwei Tage nach der ersten Pressekonferenz und der Schließung der Unternehmen, haben sich erste Firmen zu Wort gemeldet und Geld vom Staat gefordert. Mit jeder Pressekonferenz werden sie lauter.

Zuerst haben sie sich über die komplette Schließung der Betriebe beschwert und nun, dass sie wieder öffnen dürfen. Schließlich blieben ja die Kunden weg. Also was jetzt? Geschlossen bleiben oder doch öffnen?

Ich selbst bin in zwei ganz tollen Facebook Gruppen, wo sich KMU nun gegenseitig unterstützen. Leider überwiegt in diesen Gruppen das Gejammer und die Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen. Auf die Frage was sie schon ausprobiert hätten um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, kam einhellig: Was sollen wir schon machen? Ich bin ja Friseur oder Fotograf. Was soll man da schon machen können?

Ganz einfach: Es gibt Fotografen, die nun schnell einen Onlineshop mit Gutscheinverkauf erstellt haben. Oder Fotografen, die selbst gemachte Business Bilder nachbearbeiten und so Bilder vom Profi anbieten.

Es gibt Friseure, die Anleitungen zum Schneiden von Stirnfransen an ihre Kunden schicken und Geschenkskörbe für Ostern anbieten.

Die Jammerer verfügen weder über Veränderungsintelligenz noch über einen Blick für neue Kundenbedürfnisse. Sie werden es auch zukünftig schwer haben.

Sie agieren ganz nach dem Motto: Schnell her mit dem Geld vom Staat. In diesem Kategorie fallen auch die gefallenen Marken wie Adidas und Deichmann – trotz Millionengewinnen im letzten Jahr, wollten sie auf die Zahlung der Mieten verzichten – schließlich hat der Staat das so vorgesehen. In den Sozialen Medien begann ein Shitstorm der Sonderklasse. Adidas und Deichmann verlieren massiv an Image. Schnell wird die Handbremse bei Vollgas von Adidas gezogen – und dennoch verliert das Unternehmen an Wert.

Mein Tipp an diese Unternehmen:

Halten Sie inne. Fragen Sie sich:

  • „Welche Auswirkungen hat es, wenn wir nicht sofort etwas verändern?“
  • „Was kann ich persönlich jetzt sofort an der Situation ändern?“
  • „Was würde ich jetzt tun, wenn es kein Scheitern gäbe?“

Viele Ideen, aber kein Ziel – Die Orientierungslosen

Am Markt beobachte ich derzeit jedoch auch eine weitere Kategorie. Unternehmen, die schnell reagiert haben: einen Online Shop einführen, Eis und Cocktails per Lieferservice ausführen und viele Marketingaktivitäten setzen.

Und dann wundern sie sich, warum es nicht funktioniert. Der Aufwand Eis auszuliefern ist doch höher, als die Einnahmen. Cocktails werden nicht so oft bestellt wie erhofft.

Brauchen Kunden, die aktuell um ihre Existenz bangen Eis? Brauchen sie gemixte Cocktails?

Ja, diese Anbieter sind bereit sich zu verändern. Ich beobachte dabei ein impulsives Vorgehen – heute wird A angeboten und morgen dann B. Ihr Verhalten ähnelt einem sprunghaften Vorgehen, orientierungs- und ziellos – meist schon sehr verzweifelt.

Die Herausforderung dieser Unternehmen liegt in der Entwicklung eines Zieles und Plans. Sie verzetteln sich in Maßnahmen, probieren vieles aus, aber völlig ohne Resultat.

Gleichzeitig liegt darin die Chance, wenn sie mehr Fokus auf die eigentlichen Bedürfnisse des Marktes legen.

Mein Tipp an diese Unternehmen:

Stopp. Beenden Sie sofort, was sie gerade machen. Entwickeln Sie zunächst einen Plan, eine Strategie. Folgende Fragen leiten Sie dorthin:

  • Welche Zielgruppe möchte ich jetzt bedienen?
  • Was beschäftigt diese Zielgruppe aktuell? Was bereitet ihnen Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte?
  • Was ist der dringlichste Wunsch dieser Zielgruppe?
  • Wie können Sie mit Ihren Produkten und Services diese Probleme lösen?
  • Welche Veränderungen müssten Sie dazu durchführen?
  • Welche Strategie lässt sich daraus ableiten?
  • Welchen ersten, zweiten, dritten…. Schritt setzen Sie?

Hohe Kundenorientierung aus dem Kern heraus – Die Macher

Der steirische Naturkosmetik Hersteller Ringana stellt die Produktion von Kosmetik auf Desinfektionsmittel um. Die Schnapsbrennerei Gölles stellt deren Abfallprodukt für Desinfektionsmittel schon zu Beginn der Krise zur Verfügung – auch Jägermeister zieht nach.

AT&S liefert Schutzausrüstungen ans Landeskrankenhaus. Auch andere Unternehmen spenden hunderttausende Schutzausrüstungen. Sie erkennen den dringenden Bedarf und Handeln – aus dem Kern heraus, ohne viel im Unternehmen verändern zu müssen.

Das ist großartig und jede Spende unendlich wertvoll. Diese Unternehmen gewinnen in der Kundenwahrnehmung an Image. Sie stehen in der Krise hinter der Gesellschaft und kommen ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung nach.

Sie sind Macher: Sie erkennen ein Problem und handeln – mit bestehenden Ressourcen. Die Herausforderung liegt hier in der fehlenden Bereitschaft Risiko einzugehen. Aus dem Umfeld dieser Unternehmen habe ich vernommen, dass Innovationsabteilungen on Hold gesetzt wurden – man müsse die Liquidität erhalten. Das ist zwar für die derzeitige Situation völlig in Ordnung? Aber was ist mit der Nach-Corona-Krise? Wie geht es dann weiter? Zurück zum Alten?

Die Chance dieser Unternehmenskategorie liegt jedoch in der absoluten Markt- und Kundenorientierung. Genau darauf sollten sie aufbauen und sich frage wie sie diese Kundenorientierung für die Zukunft nutzen können.

Folgende Fragen sollten sich diese Unternehmen stellen:

  • Welche Probleme hat der Markt nach Corona?
  • Welche Probleme sehen wir und der Markt?
  • Wie können wir diese Herausforderungen lösen? Was können wir anbieten?
  • Welche könnten wir wie lösen, wenn es kein Scheitern gäbe?
  • Welche Veränderungen brauchen wir innerhalb des Unternehmens, um diese Herausforderungen zu lösen?

Gestärkt aus der Krise mit Strategie

Ja, es gibt sie. Die Unternehmen, die sich jetzt komplett neu orientieren. Unternehmen, die in der Krise schnell reagiert haben, sich selbst verändert haben, um neue Märkte zu bedienen.

VW druckt Bauteile für Beatmungsgeräten. Dyson entwickelt innerhalb weniger Tage ein neuartiges Beatmungsgerät (ein ganzes Bett). Haidlmayer setzt innerhalb von zehn Tagen ein neues Werkzeug zur Herstellung von Schutzmasken her.

Vorarlberger Unternehmen schließen sich zusammen um Schutzmasken der Filterkategorie 2 herzustellen und erzielen in kürzester Zeit auch die Freigabe durch Medizininstitute. Vor wenigen Wochen noch hätten viele gemeint: Das geht ja nicht. Das ist doch viel zu kompliziert.

Großartig, was Unternehmen gerade leisten. Sie reagieren auf Veränderungen am Markt und sind bereit die Extrameile zu gehen, sich selbst auch zu verändern.

Sie entwickeln eine Strategie für die Krisenzeit.

UND: Erfolgsentscheidend wird auch deren Fokus auf die Nach-Corona-Zeit sein. Viel zu oft beschäftigen sich Firmen mit der Krisensituation. Ja, es geht darum schnell Liquidität zu sichern, aber genauso wichtig ist der Blick auf die Zeit danach.

Die Strategen können das. Sie überlegen sich heute schon, wie sie die neu gewonnene Agilität nachhaltig im Unternehmen verankern. Die Personalabteilung beschäftigt sich heute schon wie sie Mitarbeiter wieder gut ins Unternehmen holen.

Die Strategen können ihre neuen Innovationen zur neuen Tradition werden lassen.

Mein Tipp:

Führen Sie sogenannte Retrospektiven mit Ihren Führungskräften, Mitarbeitern und Kunden durch.

  • Was ist so gut gelaufen, dass Sie es auch in die Zukunft mitnehmen wollen?
  • Was soll in der Vergangenheit bleiben?
  • Was sollte wie verändert werden?
  • Was möchten Sie zukünftig neu ausprobieren? Was haben Sie gelernt?

Alles in allem gehen die Macher und Strategen gestärkt aus der Krise hervor. Sie erhalten Arbeitsplätze und werden auch zukünftig eine wichtige Rolle am Markt spielen.

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